3. Advent

Zum 3. Advent möchten wir Euch ein weiteres Gedicht von Joachim Ringelnatz, gelesen von Beate Sievertsen, präsentieren. Weiterhin spielen wir auf unserem Online-Radio Weihnachtslieder und weitere Gedichte.

Das Crossmedia-Team wünscht einen schönen 3. Advent.


 

Hungerweihnacht in Hamburg (Joachim Ringelnatz)

Nachts trieb ich mich dann mit dem Sohne des schlesischen Dienstmannes herum, der auch so heruntergekommen war. Es gab Tage, da wir nicht mehr als ein Semmel zu zweit zu verzehren hatten. Wir schämten uns, Seidlers Großmutter noch länger in Anspruch zu nehmen. Wir nächteten in Hauswinkeln oder auf Bänken in der Wartehalle auf einem Hafenponton. Stetig in der Furcht, von Polizisten überrascht zu werden. Mit diesem Freund teilte ich das Essbare eines Weihnachtspaketes, das mein Vater viel zu frühzeitig abgesandt hatte. So war von diesen Fressereien und dem beigelegten Bargeld zu Weihnachten nichts mehr übrig. Ich wanderte am Heiligen Abend hungernd und frierend durch die Straßen der reichen Stadtviertel. Mein Gedenken war bei den Eltern. Ich wusste um jede Stunde, was da zu Hause vorging. Jetzt aßen sie den italienischen Salat, jetzt sang Mutter am Flügel das schöne Lied Ich will dich nicht vergessen, wenn alles dich vergisst. Ich wusste auch, dass Vater vor der Bescherung durch die Straßen gewandert war, um arme Kinder zu beschenken. Und während ich durch die erleuchteten Fenster der Hamburger Patrizier Lichterbäume sah und Weihnachtslieder vernahm, hegte ich so etwas wie eine leise Hoffnung, dass man mich beobachten könnte und dass plötzlich jemand aus einem dieser Häuser heraus eilen und zu mir sagen würde: „Kommen Sie zu uns herein, junger Mann, und essen Sie sich erst einmal ordentlich satt.“
An die Eltern schrieb ich anderen Tags einen völlig verlogenen Brief, worin ich lang und breit schilderte, wie ich mich in der Heiligen Nacht an ihren Gaben delektiert hätte und dass ich an ihrer gedenken mit guten Freunden auf das Wohl unserer Lieben angestoßen hätte.


 

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